Für Alex und all die Anderen!

Mit lieben Weihnachtsgrüßen von Ina Nothvogel

Ein Weihnachtsmärchen

Beim Spiel in den Wolken trat ein kleines Engelein fehl und stürzte durch eine Wolkenlücke auf die Erde. Dort landete es unsanft, rappelte sich auf, machte einen Schritt voran und sprach „Scheiße“, denn es war gleich in einen dicken Batzen Hundekot getreten.

Beim Umschauen bemerkte das Engelein, dass es sich an einem reichlich düsteren Ort befand: Um den Platz, auf dem es gelandet war befand sich auf einem schmutzigen Betonfundament ein hoher Zaun, aus dem an verschiedenen Stellen lose Drähte ragten. Der Bodengrund war – um es mit milden Worten zu sagen – unansehnlich. In den Erdboden waren an vielen Stellen Löcher gebuddelt, die schmutzige Nässe am Weihnachtstag zu Eis gefroren und das Engelein gruselte sich sehr, als es die vielen vielen Hundehaufen sah und an seine unbeschuhten kleinen weißen Füße dachte.

Da Engel im Großen und Ganzen aber doch recht muntere kleine Wesen sind, verzagte es nicht, sondern schaute sich weiter um. In der Nähe stand eine Hütte, aus der ein schmutziger zotteliger brauner Schwanz ragte. „Nanu“ dachte das Engelein „da ist ja gar kein Stern über der Hütte und auch gar kein Licht darinnen – da stimmt doch irgendetwas nicht“ und trat näher, wobei es besonders darauf achtete, wohin es seine Schritte setzte.

Aus der Hütte brummelte es dumpf „Was willst du denn hier?“ und das Engelein fragte: „Das weiß ich nicht, denn ich weiß ja noch nicht einmal, wo ich hier gelandet bin. Kannst Du es mir sagen?“

„Oh je, du Dummi“ knurrte es aus der Hütte „guck dich doch einfach mal um!“ Das Engelein drehte sich einmal im Kreise und dann wurde ihm doch furchtbar bange. „Bin ich etwa in der Hölle?“ fragte es zaghaft und weinte leise, denn es war furchtbar, was das Engelein beim Umschauen gesehen hatte.

„Nein“ lachte es heiser aus der Hütte, „nicht ganz. Du bist im Tierheim in Kecskemet gelandet.
Komm doch näher, damit ich dich anschauen kann, denn so etwas Feines Weißes und Sauberes wie dich habe ich schon lange nicht gesehen oder gerochen. Mein Name ist Alex und ich lebe schon seit langer langer Zeit hier.“ In der Öffnung der Hütte erschien ein großer Kopf mit freundlichen, aber traurigen Augen und schon etwas Grau um die braune Schnauze herum. „Ich habe früher wohl ein anderes Leben gehabt“, sagte der große braune Hund, „aber das ist schon so lange her, dass ich fast Alles vergessen habe. Ich erinnere mich daran, dass meine Ohren gekrault wurden. Wenn du bitte so freundlich sein würdest ...“.

Also kraulte das Engelein die Ohren des großen, alten, traurigen Hundes und ihm wurde ganz schwermütig ums Herz und seine Finger wurden fettig und schwarz.

Währenddessen kamen aus den umliegenden Hütten immer mehr Hunde, die sich das Engelein anschauten und die auch darauf bestanden, gekrault zu werden oder gekratzt oder einfach gestreichelt. Das Engelein hatte eine Menge zu tun, denn es waren viele Hunde.

„Warum seid ihr denn alle hierher gekommen?“ fragte es und schaute sich um. „Nun“, sagte einer der Hunde, „ ich bin alt geworden und mein Herrchen wollte gerne einen jüngeren Hund“. Ein anderer Hund bellte „ich war zu häßlich!“ und noch ein anderer „ich bin schwarz“ und ein weiterer Hund schnaufte „ich habe noch nie ein Herrchen gehabt“. „Aber das ist doch kein Grund hier zu sein“ sagte das Engelein, setzte sich auf das Dach einer der Hütten und begann zu grübeln, wie es den vielen verzweifelten Hunden wohl helfen könnte.

Es dachte lange und lange nach und während es nachdachte, wurde der Himmel langsam hell. Da sah das Engelein in der hintersten Ecke des Geheges einen schmutzigen Haufen Fell liegen. Es hüpfte vom Hüttendach hinunter und ging hin. Aus dem verfilzten Fell schauten zwei kluge und gütige, aber blinde Augen den kleinen Engel an. „Hallo Licht“ sagte der blinde Hund, „ich kann dich doch tatsächlich noch erahnen, weil du so schön hell bist. Bringst du mir Frieden?“ „Ja“, sagte der kleine Engel voller Mitleid, nahm seine beiden Flügel vom Rücken und gab sie dem alten Hund. Allen anderen Hunden standen die Schnauzen offen, als dieser kurz mit den neuen Flügeln schlug und dann flugs aus dem Gehege hinaus in die aufgehende Sonne flog.

Das Engelein aber stand ohne Flügel mit bloßen Füßen im ungarischen Matsch. „War das jetzt nicht etwas dämlich?“ fragte Alex, doch der Engel antwortete:“Nein, das war genau richtig“, kletterte über den Zaun des Geheges und winkte den vielen Hunden zum Abschied zu. „Ich gehe auf die Suche“ rief es und marschierte los. „Ich suche einen Menschen für jeden von Euch“.

Und das Engelein ging viele Kilometer. Den kleinen weißen Füßen wuchs Hornhaut und sie wurden dreckig und manchmal ärgerte sich das Engelein sehr über den Verlust seiner Flügel. Aber dann mußte es immer an den blinden alten Hund denken und ihm wurde ganz warm ums Herz.

Unter seinen Augen bildeten sich dunkle Ringe, aber das Engelein gab nicht auf und schlich sich in der Nacht in viele viele Häuser und Wohnungen und flüsterte den Menschen einen Gedanken ins Ohr. „Da ist ein Hund, der auf dich wartet“ flüsterte es und bei vielen Menschen wuchs der Gedanke und es wurde ein Wunsch daraus.

Seit das Engelein auf den Erdboden fiel ist nun eine ganze Zeit vergangen und so mancher Hund hat das Gehege im Tierheim verlassen. Weil aber immer wieder welche hinzukommen, die zu alt, zu jung, zu hell oder zu dunkel, zu groß oder zu klein sind, zu kurz- oder zu langhaarig, ist der kleine Engel immer noch unterwegs und flüstert und bringt die Hunde und Menschen zueinander.

Und wenn Du heute Nacht aufwachst und hast einen verrückten Gedanken im Kopf und siehst unter der Tür gerade noch den schwachen Schimmer und vielleicht einen kleinen schmutzigen Fußabdruck am Zimmerboden, dann war das Engelein bei Dir.

Dann solltest Du daran denken, dass in der Kälte, in der Dunkelheit und im Schmutz unter vielen Anderen Dein Hund darauf wartet, dass Du ihn abholst. Und er wartet nur auf DICH alleine!