Gewalt in der Hundeerziehung

Tagtäglich werden auf Hundeplätzen - unter dem Deckmantel der Erziehung - viele kleine und große Grausamkeiten gegenüber Hunden verübt. Doch sie ist nicht nur dort zu finden, sie setzt sich auf der Straße, zu Hause, im Alltag derjenigen fort, die darauf vertrauen, was ihnen jemand gesagt oder gezeigt hat, der Autorität besitzt und der „sich mit Hunden auskennt“.


Aber wie definieren wir Grausamkeit überhaupt? Was ist Erziehung und wann beginnt die Grausamkeit? Es gibt hier keine einfache Antwort, denn der Prozess ist schleichend! Die Übergänge verschwimmen und liegen wie so Vieles im Auge des Betrachters. Schon allein die Frage „Was unterscheidet einen Klapps von einem Schlag?“ (Dies betrifft nicht nur Tiere, auch Kinder!) „Wie hart soll der Ruck am Halsband des Hundes sein?“ … Wenn wir kein Jaulen hören, ist es dann noch vertretbar? Wann sollten wir eingreifen, wenn es in unserem Beisein passiert?


Die Wenigsten wissen es wirklich, stehen ungläubig daneben, trauen sich aber nicht, einzugreifen… weil die anderen es auch nicht tun… Grausamkeit kann viele Formen annehmen und ist oft nicht gleich zu erkennen, weil sie unter dem Deckmantel von Kompetenz, freundlich lächelnd daherkommt.

Es gibt eine traurige Liste von „Trainingsmethoden“ für Hunde, die noch heute weit verbreitet angewandt oder hinter vorgehaltener Hand weitergegeben werden, wo niemand die Besorgnis in den Augen und die flach an den Kopf gelegten Ohren des Hundes während des Trainings sieht.


„Sei lieb zu dem Hund!“ lernen wir alle als Kinder und lernten, Tiere mit Respekt zu behandeln, sie sanft anzufassen und nicht zu ziehen, zu stoßen oder zu kneifen. Doch gilt dies nicht mehr, wenn wir erwachsen sind? Im Namen des „Trainings“ wird geschlagen, gezogen, gewürgt, geschliffen und das alles, ohne Gefahr zu laufen, als psychisch krank oder gewalttätig abgestempelt zu werden. Noch schlimmer wird es, wenn der Hund sich wehrt. Denn dann gilt er als schwierig und macht die Bekanntschaft mit weitaus schrecklicheren „Behandlungsmethoden“.

Egal, wo wir Grausamkeit offensichtlich erkennen oder auch nur die leise Vermutung - ein ungutes Gefühl haben… wenn wir erkennen, dass die Freude und das Vertrauen, das in Beziehungen möglich ist, aufs Spiel gesetzt wird - was wir spätestens in den Augen unserer Hunde sehen können – (und wir sollten uns bei allem, was wir tun, daran erinnern, den Hund zu sehen) – sollten wir wachsam sein und niemandem erlauben, etwas zu tun bzw. uns anzuweisen, etwas zu tun, was auch wir nicht wollten, dass man uns antut!


Es ist eine sehr menschliche Neigung, Autoritäten zu gehorchen, sich vielleicht mehr Gedanken darüber zu machen, was der Trainer von uns denkt, als die Grenze dessen zu beachten, was für unseren Hund richtig und menschlich ist. Es gibt viele gute Hundetrainer, aber genauso oft höre ich von den anderen. Was der eine Hundetrainer unter Umständen als Notwendigkeit harter strenger Maßnahmen betrachtet, sieht der andere bereits als Misshandlung und deshalb müssen wir wachsam sein, wem wir vertrauen und vor allem auf unser Bauchgefühl hören. Kein Argument kann unmenschliche Handlungen rechtfertigen, egal, welche vermeintliche „Autorität“ vor uns steht. Die einzige Autorität, die über allem stehen sollte, ist unser menschliches Bewusstsein und damit unser Herz!

Egal, wer uns sagt, was wir tun sollen, letztendlich entscheiden wir immer selbst! Doch wir sollten nicht nur das, was andere uns sagen, sondern uns selbst ganz genau unter die Lupe nehmen. Immer freundlich, fair und sanft zu sein, wenn alles gut läuft, ist einfach. Was aber, wenn es Probleme gibt? Es gibt Zeiten, in denen die einfache Verpflichtung, der Halter und Beschützer eines Hundes zu sein, dem Drang, den Bedürfnissen und den Instinkten eines Hundes widerspricht. Hier betreten wir einen schwierigen Bereich, wenn es darum geht, wie wir letztendlich den Konflikt zwischen uns und dem Hund handhaben.


Grausamkeit zeigt ihre hässliche Fratze nicht in Momenten der Übereinstimmung, sondern in Konflikten. Auch wenn es darum geht, Leistung zu erbringen, ein Ziel zu erreichen, müssen wir sehr vorsichtig sein, wie weit wir gehen, ohne das Tier an unserer Seite aus den Augen zu verlieren. Wir dürfen niemals aus den Augen verlieren, dass Hunde den Sport, den wir für uns als Team ausgesucht haben, nicht selbst gewählt haben und deshalb Leistung niemals über den Aspekt von Freude stellen! Solange die Beschäftigung und die Freude an erster Stelle stehen, ist das eine wunderbare Sache.

Wir haben die moralische Verpflichtung, Lernen so angenehm wie möglich zu gestalten. Sobald Zwang und Druck entsteht, sollten wir uns Gedanken machen. Auch wenn das Ergebnis gut ist, sind es die Wege dorthin oft nicht.

Obwohl das Ziel, einen Hund gut zu erziehen, ein gutes und wichtiges Ziel ist, müssen wir sorgfältig darauf achten, was wir bereit sind zu tun, um dieses Ziel zu erreichen. Dabei müssen wir Wichtiges von Unwichtigem trennen. Es ist wichtig, dass der Hund alles lernt, um sich in unserer Welt mit maximaler Freiheit und minimalen Risiken und Stress zu bewegen.


Es heißt nicht, dass er sich an jeder Kreuzung, in jeden Matsch und bei jedem Wetter unbedingt hinlegen muss, aber er muss warten, in welcher Position auch immer, sonst kann es gefährlich werden. Für diese Dinge müssen wir bereit sein, Zeit und Mühe zu investieren und zu üben, denn wir können niemals dem Hund die Schuld geben, der nicht weiß, wie wichtig dieses Verhalten für seine Sicherheit ist.


Viele von uns haben sich sicher schon einmal dazu verleiten lassen, gerade in den bedrohlichen Situationen, und wenn es nur aus Angst, Panik, Ungeduld, Stress oder Hilflosigkeit heraus war - vielleicht aus Ärger - unsere Hand zu erheben und Gewalt anzuwenden.

Wir alle machen Fehler und haben sie in der Vergangenheit gemacht. Hierfür gibt es keine Entschuldigung, aber es gibt immer die Möglichkeit, unseren Kurs zu korrigieren. Vielleicht ist der Hund der Einzige, der diese Momente kennt, unsere dunkelsten Geheimnisse, vielleicht aus längst vergangener Zeit, als wir es noch nicht besser wussten, und der uns trotzdem liebt und immer wieder vergibt, dass wir menschlich sind.

 

© Sylvia Raßloff http://www.tiere-verstehen.com