Lieber Arthur,

Du kennst mich nicht, aber vielleicht hat Dein Frauchen Dir schon von mir erzählt.
Ich bin die Prinzessin, manche sagen auch „Schnuschelchen“ zu mir.

Meine Mama hat mir aus Deiner HP vorgelesen und da will ich Dir doch mal auf die Sprünge helfen.

Du willst wirklich wissen, was ein Zwinger ist? Du willst verstehen, wenn Du ein richtiger Neufi bist, so einer mit Papieren und so, daß Du dann ja in einem Zwinger leben müsstest. Und nun passt alles nicht so recht zusammen, was Du gehört hast und was Du erlebst.

Also, jetzt sag ich Dir mal was: Ich bin auch so ein Mädchen, das in einem richtigen Zwinger geboren wurde. Wie das da aussah, das hab ich wohl vergessen. Aber ich wurde dann verkauft in einen anderen Zwinger. Und wie das da war, das weiß ich noch. Wir waren da viele – solche wie ich und solche, die etwas hochbeiniger und schwarz-weiß sind. Die hießen Landseer und waren im selben Zwinger. Bei mir war das so ähnlich, wie der alte Willi Dir erzählt hat, daß Du froh sein sollst, daß es nicht so ist bei Dir. Aber das hilft uns jetzt nicht weiter.

Also anders herum wird vielleicht ein Schuh draus:
Du hast ja bei Deinen Kumpels schon gesehen, daß wir alle ein bisschen unterschiedlich sind. Wir sind zwar alle Neufundländer und wir sind auch stolz darauf, aber jeder hat so bestimmte Eigenheiten, Macken oder Vorzüge. Und einige denken schneller als andere. Und manche Neufis denken ja auch ganz wenig, für die ist das manchmal anstrengend. Ja ja, ich weiß, solche hast Du noch nicht kennengelernt. Aber glaub mir, die gibt es auch.
Und, Arthur, ganz genauso ist es auch bei den Menschen. Bloß umgekehrt, weißt Du? Bei denen gibt es ganz doll viele, für die das Nachdenken schwierig ist und anstrengend. Und die können auch nicht gut gucken und beobachten – oder die können das und verstehen aber nicht, was sie sehen. Naja, und wenn denn solche Leute beschließen, daß sie einen Neufundländer haben wollen, dann ist das für uns nicht so toll.
Wenn wir zu Menschen gehen, dann wollen wir ihnen unser ganzes Herz schenken und unsere Achtung. Daher gucken wir immer ganz genau, daß wir auch alles möglichst richtig machen – genau so, wie unsere Menschen es möchten. Dabei geben wir uns ja meistens auch alle Mühe, unseren Dickkopf zu zügeln (grins).

Nur die Leute, die ich oben beschrieben habe, die sind gar nicht darauf aus, daß wir ihnen unser ganzes Leben schenken. Die wollen, daß wir Babies machen, die sie uns dann wegnehmen, um sie anderen Leuten zu geben, die ihnen ein Geld dafür bezahlen. Dazu brauchen wir – nach ihrer Ansicht – kein Sofaplätzchen. Wir brauchen dazu bloß einen Partner von unserer eigenen Art. Und den brauchen wir auch nicht dauernd, denken manche dieser Menschen.
Wir Mädchen sind ja auch nicht immer heiß auf Euch Jungs, sondern nur manchmal. Deshalb reicht es ja, daß wir uns nur mal kurz sehen. Tja!

Damit wir sonst das Leben der Menschen nicht unnötig stören, werden wir dann in einen Zwinger gesteckt. So einen, wie Du in Deinem Zuhause gesucht hast. Das ist dann für die Menschen weniger arbeitsintensiv, weißt Du? Die gehen dann nur manchmal mit uns Gassi oder gar nicht. Und unsere Häufchen werden einfach mit dem Wasserschlauch entsorgt.

Bei mir war das auch so, weißt Du? Ich wollte eigentlich keine Babies haben, weil mir immer die Hüfte so weh tut. Aber das wollten die Menschen, bei denen ich war, nicht wissen. Die wollten bloß meine Babies haben. Und darum haben sie mich in eine Scheune getan – zusammen mit all den anderen, die da waren. Damit wir nicht zuviel Unsinn machen oder uns vielleicht mal streiten oder so was, haben sie für uns einzelne Boxen gebaut aus Stein mit Beton. Und damit wir da nicht rüberklettern, haben sie oben drauf Stangen gemacht aus Eisen. Weil ich da zu meinen Freunden wollte, habe ich immer an den Steinen und den Stangen rumgekaut. Dabei sind meine Zähne kaputt gegangen. Und die Freunde von mir haben das auch gemacht. Wir haben alle kaputte Zähne gehabt. Aber das war ja egal - wer braucht denn Zähne, um Babies zu kriegen?

Weißt Du, was manche dieser Menschen auch noch machen? Die schicken ihre Neufimädchen weg zu anderen Menschen, wo sie dann für einen fremden Neufijungen stillhalten müssen – und wenn sie das nicht wollen, werden die Mädchen festgehalten oder in ein Gestell gesteckt – damit Babies kommen.
Dann müssen diese Mädchen da, wo sie nicht zuhause sind, so lange bleiben bis die Babies da sind. Und dann müssen sie die Babies füttern und für sie sorgen, bis ihre Kinder alle verkauft werden. Und wenn alle Babies dann weg sind, dann dürfen die Mädchen erst wieder nach Hause. Weißt Du, meine neue Menschenmama hat mir erzählt, daß – wenn man das mit Menschen machen würde – das das Schlimmste wäre, was man einem Menschenmädchen antun kann.
Stell Dir vor: die Mädchen müssen ihre vertraute Umgebung und die Menschen, die es kennt, verlassen, um bei Fremden das Intimste und Aufwühlendste zu erleben, was einem Lebewesen geschehen kann: Babies zu haben. Findest Du das auch so schlimm, oder ist das für Dich als Junge anders?
Aber Du hast bestimmt schon gehört, Arthur, daß es das genauso bei diesen bestimmten Menschen auch für Euch Jungs gibt: Ihr müsst dann von Eurem Zuhause weg, um irgendwo bei Fremden ein Mädchen vorgesetzt zu bekommen, das gerade heiß ist. Und dann müsst Ihr Eurem Instinkt folgen und das Mädchen decken, so oft die Menschen das wollen. Damit es ja nur Babies gibt. Auch wenn Ihr beide das vielleicht gar nicht so wollt. Und wenn es dann bei Euch Jungs nicht so klappt, weil das Mädchen für Euch vielleicht gar nicht die Richtige ist und Euer Instinkt das gemerkt hat, dann wird so lange an Euch manipuliert, bis Ihr dann doch drauf geht oder drauf gehoben werdet. Tja, so sind manche Leute, die Zwinger haben. Da kann ich Dir noch so manche Variation erzählen, Arthur.

Eigentlich brauchen diese Menschen sich nicht zu wundern, wenn uns Neufis dann zu Zwinger - Zwang, zu züchten – züchtigen einfällt, und wir dann gar nichts mehr verstehen.

Aber - ich erzähl mal weiter, Arthur.

Dieser Mensch, wo ich gewesen bin, hat eine Wasserlandschaft in seinem Garten bauen wollen. Die sollte auch für uns sein. Komisch ist nur, daß da überall Zäune drum waren. Da war der große Garten richtig eingeteilt. Aber ich hab nicht verstanden, weshalb. Ich durfte ja auch nicht alles ansehen. Eine Freundin von uns hatte es aber ganz anders, weißt Du, Arthur? Die durfte immer zu den Menschen hingehen, in ihr Haus und überall im Garten. Auch wenn die Enkelkinder gekommen sind. Da wurden wir anderen immer besonders energisch weggejagt. Wir durften auch keine Bälle nehmen, wenn die mal irgendwo auf der Wiese waren, oder irgend ein anderes Spielzeug. Aber die eine von uns, die durfte alles das. Die hatte auch keine kaputten Zähne, obwohl sie schon ganz alt war.

Du fragst, ob ich auch mal so alt werde? Ich weiß nicht. Jetzt hab ich auch so ein Zuhause wie Du, und ich bin ganz doll froh darüber. Ich hatte schon gar nicht gedacht, daß mich mal Menschen finden, die anders sind. Solche wie Deine Menschen, die sehen, wenn einem was weh tut und die mich ins Warme lassen, wenn es draußen kalt ist. Du weißt ja, wie das ist – wir haben zwar unser dichtes Fell, aber wir brauchen doch die Wärme für die Seele.

Ich wünsche mir bloß, daß viele Menschen mal anfangen, uns richtig zu sehen, nachzudenken und uns ernst zu nehmen. Es müssen einfach immer mehr Menschen wie Deine und meine werden! Darum mach’ ich das so: Immer wenn einer von uns Neufis über die Regenbogenbrücke geht, schick ich meinen Wunsch mit in den Himmel. Vielleicht hilft es ja – irgendwann – vielleicht.

Dann nennen sie vielleicht den Ort, wo wir unsere Babies bekommen, auch nicht mehr „Zwinger“ sondern vielleicht so was wie „Zuhause“.

Ich bin jetzt müde, Arthur. Mir tut es immer so weh, wenn ich an alles denke. Ich geh jetzt zu meiner Mama kuscheln, damit ich mich vergewissern kann, daß ich jetzt ein Zuhause hab.

Tschüß, Arthur, vielleicht bis irgendwann mal
Deine Prinzessin

©Maria Briese-Ross