Radja, mein großer Junge,

weißt Du noch, wie Du uns ausgesucht hast? Als ich Dich das erste Mal sah, warst Du frisch geschoren. Ich wusste nicht, was Du bist und fragte: „Was ist das, wenn es fertig ist? Ist das etwa ein Neufi?“ Du warst kurz vorher aus einem Tierheim aus Belgien herüber geholt worden – als einer, der um sich beißt….. Warst ja vorher in einer Massentierhaltung mit mehr als 260 Tieren. Du wärest ja sonst untergegangen.

Und wie reagiertest Du auf meine Ansprache? Du hast dich zuerst auf meine Füße gesetzt und so lange da gesessen, bis ich Dich ins Herz geschlossen hatte. Hat nicht lange gedauert – ging ratz-fatz. Aber Papa sagte „nein, nicht noch einen!“ Dann hast Du dich auf Papas Füße gesetzt und dich an ihn gekuschelt. Hat auch nicht lange gedauert, dann sagte Papa auch ja – aaaaber: was sagen denn die anderen beiden: Lukas und Chanel? Vor allem Chanellchen hatte sich ja bereits vorher vehement gegen einen „Neuen“ entschieden. Also musstet Ihr euch auf neutralem Boden erst einmal kennen lernen. Lukas nahm Dich zur Kenntnis, gab Dir kurz die Ansage: „Aufsteigen? Nicht mit mir!“ – und schnupperte weiter herum. Und Chanel, die Kritische? „Ach guck doch mal Mama, ist der Bub nicht hübsch? – schüttel – Seh ich auch gut aus? Schau doch mal, hier bin ich – ich bin Chanel, darfst ruhig mal schnuppern – sieh doch nur Mama, so ein hübscher Junge…… usw. usw.“ Ich dachte, ich seh’ nicht richtig! Und schon hattest Du alle um das Pfötchen gewickelt. Du durftest sogar ohne Protest ins Auto einsteigen. Und wie Ihr alle drei da gesessen habt, aufrecht und stolz wie Oskar, erwartungsvoll, was denn jetzt kommt und ob wir nicht bald losfahren – tja, da sind wir halt losgefahren.

Zuhause war es dann etwas schwieriger, denn eigentlich kanntest Du Menschen ja nicht so gut. Mit mehr als 200 Tieren aus einer Massentierhaltung, wo Du dich durchbeißen musstest um zu überleben – wie solltest Du da wissen, dass Menschen auch kuscheln können? Dreimal hast Du dem Papa Deine Zähnchen zu spüren gegeben. Er wollte schon aufgeben. Dann – plötzlich – war das von einem Tag auf den anderen vorbei, und wir durften dich richtig festhalten, liebdrücken und auf dem Boden mit Dir kuscheln. Du bist mit Papa zusammen auf dem Teppich eingeschlafen, mitten im Kuscheln. Wenn Papa seinen Wecker nicht gehört hat, hast Du ihn angebellt: „Los jetzt, aufstehen!“ Immer enger ist Euer Verständnis geworden. Ihr brauchtet euch nur anzusehen und alles war klar.

Und Du wurdest unser bester Therapiehund: Wenn die Menschen voller Tränen und Schmerz mit ihren toten Tieren zu uns kamen, versteinert, dann hast Du sie vom Treppenabsatz oben angeschaut. Es gab Menschen, die Dich nicht sehen oder haben wollten, dann bist Du wieder ins Haus gegangen. Anderen, die Dich brauchten, bist Du entgegen gegangen und hast so lange an ihren Knien angebuckt, bis die Hände auf Deinen Kopf sanken und sie Dich streichelten. Oft sind dann bei diesen Leuten die Tränen geflossen….Danke, mein Bub, für Deine Einfühlsamkeit und Deine Liebe, die Du ihnen entgegen gebracht hast.

Aber Deine Knochen wurden mit dem Ende des Überlebenskampfes, dem Loslassen und dem„zu Hause ankommen“ auch immer schlechter. Die Arthrosen schmerzten, Du konntest dich immer schlechter bewegen. Die Schmerzmittel fingen an. Papa baute für Dich eine Rampe, damit Du die Treppen nicht mehr zu laufen brauchtest. Dann haben wir uns für Akupunktur und Blutegel entschieden, die Dich über den letzten Winter brachte. Es kamen aber dann die Schmerzen verstärkt wieder, so dass wir doch wieder Cortison und Schmerzmittel ansetzen mussten. Die Dosierung wurde immer stärker. Jetzt, am Schluss, half sogar das Maximum nicht mehr weiter. Deine Gassiwege waren nur noch 30 – 40 Meter, dann standest Du wieder am Auto und wolltest hinein gehoben werden.

Bei all dem Leid warst Du doch immer Herr Deiner Sinne. Du warst völlig klar im Köpfchen. Du hast Lukas oft gewarnt, wenn der Blindfisch Dir zu nahe kam. Mitunter hast Du sogar nach ihm geschnappt, aus Angst, er könne Dir weh tun.

Du lagst unter dem Tisch und bestimmtest, wer an den Futternapf gehen durfte, auch als es Dir schlechter ging, hast Du nicht das Zepter abgegeben. Und Aaron, der hat Dich geachtet als den Chef, der Du unbestritten gewesen bist – bis zum Schluß.

Erst jetzt in den letzten Tagen hast Du das Regiment abgegeben. Du konntest nicht mehr. Dein Blick wurde drängender, wenn Du mich angesehen hast. Ja, ich habe es erkannt. Aber Papa konnte Dich noch nicht gehen lassen. Er hat etwas gebraucht, um zu erkennen. Und als dann die Tierärztin kam, hast Du sie begrüßt und neugierig einen Blick in ihre aufgeklappte Arzttasche getan. Du wusstest genau was kam. Ich vergesse niemals den letzten Blick, den Du mir zuwarfst, bevor Du dein Köpfchen zwischen die Vorderpfoten gelegt hast. Du rührtest dich nicht mehr, weder bei der Spritze zur Narkose noch später. Dein Herzschlag wurde langsamer und dann waren Dein Leiden, Deine Schmerzen beendet.

Du weißt, mein Bub, wie stolz ich auf Dich war. Du weißt, dass Papa Dich so furchtbar vermisst. Du weißt auch, dass Aaron jetzt so völlig alleine schrecklich leidet. Aber Du weißt auch, dass wir Dich immer lieben und niemals vergessen werden. Ich glaube, der Weg, den Du in Deinem Leben gehen musstest, war einer, der Dich in die extremsten Situationen gebracht hat. Es war ein weiter, weiter Weg vom Beißer in der Massentierhaltung bis zum Schmusebären, der Du für uns geworden bist. Danke, dass gerade wir Dich auf diesem Weg begleiten durften.

Liebling, grüß all die anderen, die auf Dich gewartet haben, vor allem Dein Rudel Chanel und Lukas-Drago

Deine Mama und Dein Papa