Mein Lukas,

Du kamst zu uns voller Leid. 5 Jahre lang hatten die Menschen vom Tierheim Fulda-Hünfeld gebraucht in dem Kampf, Dich aus dem Dunkel zu befreien. Dann kamst du zu uns, 5 1/2 Jahre alt. Drei Monate fütterte ich Dich aus der Hand, Du bist immer vor dem Napf, Deinem Napf zurückgewichen, als erwartetest Du Schlimmes, wenn Du an den Napf gehen würdest. Wenn wir Dich anfassten versteinertest Du förmlich: den Kopf nach unten geneigt, rührtest Du dich nicht, als wolltest Du sagen: "du kannst mit mir machen was du willst, ich lasse nichts an mich heran". Monate lang brauchtest Du, um zu lernen, auf dem freien Feld, ohne eine feste Begrenzung an Deinem Po zu spüren, Dein Geschäftchen zu machen. Hattest Du so all die Jahre lang versucht, Dein "Verließ" sauber zu halten - wenigstens in der Mitte?

Du kanntest alte Pizza, trockenes Brot und - ja, Frolic. Anderes Futter war Dir fremd - nicht mal das Hühnchen mit Reis warst Du in der Lage zu fressen. Aber freudig brachtest Du dem Papa ein verschimmeltes Brot aus dem Gebüsch um zu teilen - ihm sind Tränen der Trauer und vor allem der Wut über die Wangen gelaufen...

Nach drei Chemos sind wir endlich die Girardien und was da sonst noch in Dir lebte, los geworden. Dann stellten wir fest, dass Du mit deinen Pfötchen gegen die Bordsteinkanten stießest, dass Du mit der Schulter gegen den Laternenpfahl gerannt bist. Die Augenärztinnen sagten, Du hättest noch 30 % Sehkraft - Degeneration der Netzhäute wegen der 5 Jahre Dunkelhaft. Unaufhaltsam, unheilbar. Ich sehe noch Deine Trauer, wenn Du mitten im Feld plötzlich merktest, dass Du nichts mehr erkennen konntest. Der klappernde Schlüsselbund in meiner Hand wurde zu unserem ständigen Begleiter.

Aber Du wolltest nicht aufgeben: Du wolltest Deine Vergangenheit endgültig hinter Dir lassen und dich zurück "ins Licht" zwingen. So wolltest Du einen neuen Namen und suchtest Dir Lukas aus: Mann aus Lukanien - lichtdurchflutet voller Sonne, Lichtträger. Nur Papa durfte weiter "Drago" sagen - bei anderen hast Du auf Durchzug geschaltet.

Dennoch - nun blieben Dir nur Deine Nase und Deine Ohren. Und auch die Nase hat Dich im Stich gelassen. Immer näher hielt ich Dir das Leberwurstbrot, das Dein Teil am gemeinsamen Frühstück war. Jetzt hast Du es nicht mal mehr gerochen, wenn es vor Dir auf den Boden gefallen ist - Du musstest es suchen.

Deine Spondylose hinderte Dich daran, den Popo richtig runter zu bekommen zum Häufchen machen. Also wurdest Du erfinderisch: drehtest dich so lange um die eigene Achse, bis ein Vorderbeinchen zwischen den Hinterbeinchen zu stehen kam - und damit hast Du dir Halt geschaffen für`s Häufchen. Gut gemacht, mein Kleiner!

Deine Schritte wurden tapsiger, unsicher ob Dir nicht jemand im Weg lag. Wie oft hat Radja nach Dir geschnappt, aus Angst, Du könntest auf seine arthritischen Pfoten treten.

Dann, jetzt im Januar kam die Diagnose Leukämie. Dein Immunsystem ging mehr und mehr kaputt. Dein Körper wurde weniger, Du verlorst an Kraft und Energie, immer mehr auch an Gewicht. Und Du kämpftest - 6 Monate lang.

Am 15. Juli hattest Du Geburtstag. 12 Jahre bist Du alt geworden. In all den Jahren, so scheint es mir aus der Sicht von heute, war Dein Leben wie eine Kerze im Wind... mal hell leuchtend, mal flackernd... aber das Wachs wurde immer weniger, die Flamme immer kleiner. Seit drei Tagen weiß ich, dass Dein Wachs, Deine Kraft, Dein Wille am Ende sind. Am Freitag konntest Du nicht mehr aufstehen. Es hat Dich so furchtbar erschreckt, dass das nicht mehr ging. Nachdem Papa dich getröstet hat und gekuschelt ging es dann wieder. Ich wollte nicht, mein Schatz, dass es vielleicht beim nächsten Mal so ist, dass das Aufstehen überhaupt nicht mehr geht. Diese letzte Erfahrung von Schwäche solltest Du nicht mehr machen. Heute haben wir "gepustet". Dein Lebenslicht ist erloschen, ganz schnell und friedlich.

Nun liegst Du da, so wie Du dich hingelegt hattest, auf dem Bauch, den Kopf zwischen den Vorderpfötchen, als schliefest Du.

Ich spüre Deine Seele - sie ist nicht die des alten Hundes, blind und ohne Geruch, tapsig und voller verlorener Kraft und Fähigkeiten. Sie ist stark und frei, ohne Last des Alters und der Gebrechen. So geh mit Gott, mein Junge. Chanel und die anderen alle warten hinter der Regenbogenbrücke. Lauf, mein Schatz, und grüß sie alle.

Ich hab Dich lieb - mein Lichtträger für immer.

Deine Mama